Eine kleine Geschichte
der Detektive.

French sleuth, with an attitude.
Es ist nicht so, dass sie es nicht versucht haben oder nicht wirklich wollten. -
Trotz der Vorliebe der Franzosen fuer verzwickte Kriminalromae haben diese dennoch
kaum beruehmte Detektive hervorgebracht. Die Kette bekannterer französischer
Privatdetektive ("Célérité et Discretion") endete eigentlich im Jahre 1943 mit dem
Literaturdetektiv Nestor Burma, dem düsteren Typ mit dem Schlapphut, der aber nicht
an die Persönlichkeiten amerikanischer Detektivfiguren wie Sam Spade, Philip Marlowe
oder Jake Gittes heranreichte. Man sieht Nestor Burma noch hin und wieder in
Wiederholungen des französischen Fernsehens.
In Paris gibt es gut achtzig Detektivagenturen, aber im Jahre 1914 waren es auch schon
fünfzig! Achtzig Detektivagenturen - nun, das ist relativ wenig für eine Weltstadt.
Möglicherweise wäre eine Erklärung dafür die, dass die Polizei der Metropole so
erfolgreich und ermittlungsstark ist, dass ein Privatdetektiv allenfalls noch als
"Kleindarsteller am Spielfeldrand" wahrgenommen wird. Möglicherweise.
Ein anderer Grund könnte der sein, dass Frankreich einen Mann vom Kaliber des
Eugene-Francois VIDOCQ (1775 bis 1857) vorzuweisen hatte. Dieser Detektiv hat
real mehr erlebt, als es sich je ein Autor von Kriminalromanen für eine fiktive
Figur ausdenken könnte.
Ein ehemaliger Betrüger, Fälscher, Dieb, Schmuggler, Bigamist mit möglicherweise
sogar Neigungen zum Transvestiten, wurde Vidocq durch exzellente Verbindungen
in die Unterwelt zunächst ein gefragter Polizeiinformant.
Schliesslich machte man "den Bock zum Gärtner" und ernannte ihn zum "Polizeichef
der Suret". Im Jahre 1825 erzielten Vidocq´s Männer (und Frauen) bereits 1500
Inhaftierungen pro Jahr und ihr Chef konnte sich davon ein prächtiges Pferdefuhrwerk
halten; er hatte ein sehr gutes Auskommen. Nachdem er von dem Posten als Chef
der Suret zurücktreten musste, eröffnete Vidocq das erste moderne Detektivbüro
der Welt, das sich auf Inkassodienste und gleichzeitig(!) auf das Verleihen von
Geld spezialisiert hatte.
Später, auf dem Höhepunkt seiner Tätigkeit, beschäftigte er 40 Mitarbeiter die unter
Pseudonymen wie "Zyklop" oder "Satyr" ihre Berichte schrieben. Sie mussten die
Bürostunden strikt einhalten und durften im Flur der Agentur nicht ausspucken, was
damals bei anderen Dienstleistern durchaus üblich war. Vidocq empfing bis zu 40
Kunden täglich in seinem geschmackvoll eingerichteten Büro, in dem er allerdings
auch Gemälde mit den Motiven französischer Hinrichtungen zur Schau stellte.
Einer seiner im Besprechungszimmer aufgehängten Sinnsprüche lautete:
"In der Unterwelt sind 2 + 2 nicht 4 sondern 44".
Vidocq war derart "unique", dass sogar der amerikanische Allan Pinkerton (die
weltgrösste Detektivagentur der Gegenwart) sich aus Werbegründen "Vidocq des
Westens" nannte. Über Vidocq wurde eine Menge geschrieben, erst im Sommer 2004
erschien von James Morton, einem englischen Rechtsanwalt, ein Buch "The first
Detective". Vidocq selbst hat (einigermassen erlogene) Memoiren in vier Bänden
herausgebracht, die sich aber so gut verkauften, dass sein englischer Verleger noch
einige Kapitel hinzufügen liess, um die Nachfrage zu befriedigen. Vidocq hatte
generell auch keine Hemmungen "Ghostwriter" einzusetzen, fühlte sich aber verletzt
durch Menschen, die seine Gewissensbisse und seine angebliche Sensibilität nicht
zu würdigen wussten. Fuer unsere Kulturhistoriker: Hier ist er. Hier ist der Übergang
vom realen Detektiv zur virtuell-fiktiven Detektivfigur.
Geboren noch unter Ludwig dem 18-ten, war er ein Experte, der alle politischen und
wirtschaftlichen Unwetter seiner Zeit ohne Schrammen überstand. Er war auch,
zumindest schreibt Morton dies in seinem Buch, ein Soziopath, der als kleiner Junge
in Arras Kinder und Haustiere folterte, der die Ladenkasse seines Vaters (eines
Bäckers) und die Ersparnisse seiner Mutter raubte. Er hatte wohl Charme, sah auch
gut aus und stieg auf, wie Michel Foucault beobachtete, als Kriminalität ein
"Mechanismus der Macht" wurde. In London wurde Vidocq 1845 eingeladen, um vor
dem "House of Lords" eine Rede über "Gefängnis-Disziplin" zu halten.
Auf der gleichen Reise präsentierte er eine sehr divers angelegte Ausstellung
verschiedener Ölbilder ("Sehr alte Bilder von sehr jungen Meistern", schrieben die
Journalisten), dazu zeigte er Wachsfrüchte, Notizen und die Erinnerungen überführter
Mörder, Folterinstrumente und auch Handfesseln und beschwerte Stiefel, die er
selbst im Gefängnis hatte tragen müssen. Er erschien gern in durchaus
überzeugenden Verkleidungen, einen "ausgezeichneten Schauspieler" hätte er
abgegeben, resümierte die TIMES damals.
Auch Balzac schien er beeindruckt zu haben, der ihn offenbar als Vorlage für die
Figur des Vautrin in "Le Pere Goriot" auswählte.
Vidocq starb mit 82 Jahren und seine Beerdigung in Paris war gut besucht. Denn
Vidocq hatte Geld beiseite gelegt, um davon jedem Trauergast 3 Franc auszahlen
zu können. Er war eine ziemlich ungewöhnliche Marke. Zurück zu den Kriminalfiguren
Frankreichs. Die Franzosen blickten nach Vidocq nun nach Amerika, auf der Suche
nach dem "Model-PI" (private Eye), der Fantasy-Fiction.
Speziell war dies die Figur des Nick Carter, die in den USA 1886 aufkam und später
Anfang des 20. Jahrhunderts als Kinoheld in Frankreich populär wurde. Diesen
Filmen folgten dann aber leider nur noch peinliche französische Clones wie "Dick
Cartter", "Nick Winter", "Herlock Sholmes", "Tom Bob", "Jack Dollar" und die
zweifellos verlockende "Miss Boston" schliesslich im Jahre 1909.
Eine unvergessene Detektiv-Fiction war sicher die Figur des Arsène LUPIN, die
1907 erschien, eine Art rauhbeiniger Gentleman. Der Autor, Marive Leblanc,
plazierte diese Figur schliesslich in seinem 1910 erschienen Roman als Chef der
Suret, der vier Jahre diesen Posten hielt und sich schliesslich selbst verhaften liess.
"Der Geist Vidoqs wabert noch immer", stellte Julian Symons (ein
Kriminalromanhistoriker) in seiner klassischen Studie "Bloody Murder" fest.
Ebenfalls in der Tradition Vidocqs waren die Memoiren des Eugene Villiod, ab
etwa 1905. Er kultivierte, was Dominique Kalifa das "Image eines französischen
Pinkerton" nannte. Villiod hatte grossen Erfolg, teilweise aufgrund der Unter-
stützung des begabten Grafikers Leonetto Capiello, der den Buchumschlag
entwarf. "Capiellos Zeichnung auf dem Buchumschlag nahm mich sofort gefangen,
als ich noch ein Kind war", sagte Leo Malet, der Erfinder des "Nestor Burma", den
Kalifa als die einzige französische Detektivfigur bezeichnet, die es mit den
neueren Detektivfiguren aufnehmen kann, die später vor allem in Form von
Comics und Filmen aus den USA importiert wurden.
Ein anderer Krimierfolg kam von Arthur Bérnede, Erfinder der Detektivfigur Chantecoq,
der berühmt wurde, weil er Belphégor fing, das Phantom des Louvre, im Jahre 1927.
Die berühmtesten französischen Privatdetektive stammen aus der Vergangenheit.
In "Les Mots" erinnert sich Sartre 1964 an Titel wie "Un crime en ballon" und
bemerkt eine Vorliebe für Nick Carter. Zwar, schreibt er, dass die Detektivromane
sich wiederholten und daher leicht monoton würden. Aber die Atmosphäre ineinander
verschachtelter ungesetzlicher Handlungen faszinierte ihn scheinbar.
Sowohl Kriminalität als auch Tugendhaftigkeit bewegen sich in diesen Romanen
ausserhalb des Gesetzes. Killer und Detektiv, beide freie, souveräne Individuen,
erledigen ihre Auseinandersetzungen "by night and by knife". Match that, Sam Spade.
Author : JAMES MORTON
Format : Hardback
ISBN : 0091887968
Publisher : Ebury Press Publication
First published: October 2004
Pages : 352 Imprint
Ebury Press "The First Detective":
(The Life and Revolutionary Times of Eugene Vidocq, Criminal, Spy and Private Eye)
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